#6 – Der Beinahe-Zauberer

Es gehört Rhythmus des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen – sie gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis.

Ludwig van Beethoven

Was für ein Gefühl! Nach einer unendlich lang erscheinenden Zeit, in der alles erdenklich Erfreuliche von uns genommen wurde, gibt es wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer, der sich für manch Glückliche auftut und auch die tristesten Nachrichten in den Hintergrund befördert. Es ist wie eine Offenbarung, die dich der Reihe nach jedes Gefühl durchleben lässt, bis du dich mit offenem Mund sitzend ertappst und dich fragst, was genau gerade passiert ist.

Als ich das erste Mal nach der Coronapause bei einem klassischen Konzert gearbeitet habe, sind mir während der ersten Töne der prunkvollen Ouvertüre die Tränen gekommen. Wer hätte gedacht, dass man doch so bald wieder dieses unglaubliche Gefühl spüren würde? Es war beinahe so, als hätten wir durch den Lockdown vergessen, was wirkliche Freude ausmacht und das ist für mich nicht das Saufen Freitagnacht in der Lieblingsdisco, sondern das Zusammenspiel von wundervollen Tönen, die gemeinsam etwas ganz Besonderes ergeben und nur für diesen einen Moment, für genau dieses Publikum existieren.

Meine Beschreibung der Musik mag kitschig klingen, aber ich weiß von einigen Quellen, dass es nicht nur mir so ergangen ist. Die Begeisterung ist diesen Sommer in gigantischen Wellen hochgeschwappt, bis am Ende nur noch tosender Applaus übriggeblieben ist.

Wir sehnen uns danach etwas zu spüren, zu fühlen, erregt zu werden und für einen Moment einfach nur zu genießen. Wir wollen aus dem tristen Alltag herausgerissen werden und den Untergang der Welt vergessen, denn man lernt nur was leben ist, wenn man es auch wirklich tut.

Natürlich haben die Konzerte draußen stattgefunden, bei Hitze und Kälte, bei Sonnenschein und Unwetter. Zu Coronazeiten gibt es viele Vorteile, wieso man große Veranstaltungen ins Freie verlegt, aber während meiner Arbeit sind mir auch einige bedeutende Nachteile aufgefallen: Die kreischende Elster, die sich wutentbrannt über die musikalische Störung aufregt und in hohem Bogen über die Bühne davonfliegt. Die Propellermaschine, deren Insassen sich den blutroten Sonnenuntergang aus hohen Höhen anschauen möchten und dabei mit ohrenbetäubendem Krach über das Areal kreisen. Die Gelsen, Motten und anderen Insekten, die sich von den Scheinwerfern angezogen fühlen und hie und da auch in den auftoupierten Haaren der Gäste Platz nehmen. Als Angestellte bekommt man all diese Einzelheiten sehr genau mit, versucht sich ein Grinsen zu verkneifen und rückt dann die drei Nummern zu große Dienstjacke zurecht, um sich bei Einbruch der Dunkelheit nicht zu verkühlen.

Wie man schon herauslesen kann, ist ein Konzert nicht immer nur Spaß und Vergnügen. Manchmal muss man die langweiligen Passagen durchsitzen, sich eine Ablenkung suchen und vielleicht auch gezielt auf die Noten der ersten Geigen starren, um herauszufinden, wie oft noch umgeblättert werden muss. Aber auch die letzte Seite, die Zielgerade, kann eine geraume Zeit in Anspruch nehmen, das weiß ich aus Erfahrung. Vor allem dann, wenn man keinen Sitzplatz der besten Kategorie hat, sondern mit Ballerinas in der vom Regen aufgeweichten Wiese stehen muss. Da fällt es einem sehr schwer, sich nicht zu den wenigen törichten Zuschauer*innen zu gesellen, die am Ende des ersten Satzes einer Symphonie zu klatschen beginnen. Als wäre ein klassisches Konzert wirklich schon nach zwanzig Minuten zuende.

Wenn man jeden Abend einem anderen Orchester lauschen darf, macht man sich so einige Gedanken. Mir ist aufgefallen, dass der Beruf des Dirigenten sehr viele Gemeinsamkeiten mit dem eines Zauberers hat. Während seiner Arbeit fuchtelt er mit einem Stab herum, woraufhin die Untergeordneten genau das tun, was er von ihnen verlangt. Er ist immer festlich gekleidet und doch zurückhaltend, konzentriert und seiner Macht bewusst. Wenn er sich aufregt, wird er blutrot im Gesicht und dann heißt es sich zu verstecken, sonst trifft dich noch der Stab des Verderbens, welchen er mit tiefem Schnauben schwingt. Etwas, was vermutlich ein auditives Privileg der ersten Reihe ist. Nach einem Sommer voller klassischer Konzerte kann ich behaupten, die bekannten Dirigenten österreichischer Orchester an ihrem beim Einsatz vernehmenden, angestrengten Prusten auseinander zu kennen.

Klassische Musik ist etwas, worauf man sich einlassen muss, denn nur dann erkennt man Einzigartigkeiten, Melodien und die feinen Einzelheiten einer großartigen Komposition. Sie ist bei weitem nicht langweilig, vor allem dann nicht, wenn es in Strömen regnet und sich 1250 Gäste gleichzeitig ihre Plastikregenponchos anziehen und damit ein so lautes Rascheln erzeugen, dass die Musik komplett im Hintergrund versinkt. Und natürlich gibt es immer diese eine Person, die denkt, sie hätte das Privileg mitten im Publikumsraum einen Schirm aufzuspannen. Genau in diesem Moment, in dem mein Blut zu kochen beginnt, die Aufregung durch meine Adern pulsiert und Kälte, Nässe, Schmerzen vergessen sind, beginnt die eigentlich Action meiner Arbeit.

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