#7 – Schnee unter den Fingernägeln

Ich bin müde, denke ich, während ich meinen Kopf auf die angewinkelten Knie bette. So unglaublich müde. Ich spüre, wie jeder einzelne Wirbel in meinem Rücken auseinandergezogen wird, wie eine Dehnung durch meinen gesamten Körper fährt und meine Anspannung weniger wird. Wie von selbst fallen meine Augenlider zu und meine Atmung wird tiefer, ruhiger und langsamer. Bei jedem Einatmen dringt kalte, stechende Luft in meine Lungen, durchflutet meinen Geist, nur um dann als lauwarmer Hauch wieder meine rauen Lippen zu verlassen. Ich fühle Schnee unter meinen Fingerspitzen. Zuerst streiche ich beinahe zärtlich darüber, dann werde ich neugieriger, kralle mich in das Nass, möchte den beißenden Schmerz unter meinen Fingernägeln spüren, um ein neues Gefühl wahrzunehmen und damit meine Müdigkeit zu vertreiben. Doch meine Augenlider sind wie zugeklebt. Der harte Boden unter mir erdet mich, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit und fängt mich auf, wie das sanfteste Bett, in dem ich je gelegen bin. Die einkehrende Ruhe lässt meine Gedanken in einem Sturm aufwirbeln und rückt das Unausweichliche immer näher an mein Bewusstsein, den einen Satz, der mich in den letzten Monaten gejagt hat, als wäre ich ein wildes Tier: Er ist anders als die anderen.

Erst vor einiger Zeit habe ich ihn zum ersten Mal gesehen und binnen eines Herzschlags wusste ich, dass er es ist: der Stein zwischen den Rosen, der Elefant unter Mäusen, das Ja, wenn alle Nein sagen. Seine Schultern sind stramm, ausgeprägt, als hätte er seine Lebzeit damit verbracht, in krummer Haltung vor sich hin zu arbeiten, ohne einen einzigen Moment innezuhalten und dem Rascheln in den Bäumen zu lauschen. Die Augen, die zwischen den Haarsträhnen hervorstechen, sind dunkel und kalt, doch wenn die Sonne strahlt, spiegelt sie sich in ihnen wider und verdoppelt ihre Kraft, die Erde zu erhellen. Auch alles andere an ihm ist anders, trägt er doch kein Gewand, sondern nichts als seine nackte Haut, die so funkelt, als könnte man jeden einzelnen Tag, den er auf dieser Welt verbracht hat, darin ablesen.

Es dauerte nicht lange, bis die Menschen uns hinterherschauten, wenn wir über den Gehsteig flogen, denn sie beneideten uns und unsere Kraft, die wir uns trauten auszustrahlen. Gemeinsam konnten wir alles erreichen, Grenzen niederreißen und in fremden Orten aufblühen, wie die schönsten, fremdartigsten Blumen. Doch schließlich kam die Zeit, in der er krank wurde. Worte hagelten auf ihn nieder und das Grau der Wolken verdichtete sich um seinen Kopf, bis er nichts mehr wahrzunehmen schien, außer dem Klingeln in seinen Ohren. Es war keine Krankheit an sich, sondern einfach ein Gefühl, dass sich über ihn legte, niederdrückte, wie ein Felsen, und ihn am Boden festhielt, bis die Sonne seine Augen nicht mehr erreichen konnte. In all diesen Momenten war ich an seiner Seite, half ihm sich hochzudrücken und dem Schmerz zu trotzen, der sich durch seinen Körper fraß, bis der Tag kam, an dem er es schaffte, von alleine aufzustehen.

Die Sonne ist wieder da, der Schnee, das Glitzern. Das alles war nie fort gewesen, denn niemand konnte uns diese Wunder wegnehmen, wir hatten nur vergessen, uns danach umzusehen. Auf einmal richtete er sich wieder auf, zwar nicht zu seiner vollen Größe, aber er vollbrachte es, den Mantel, der ihn an die vielen anderen anglich, abzustreifen und sein vollkommenes Wesen zu präsentieren. Ich stützte ihn bei seinen ersten Schritten, während Millionen winziger Schneeflocken unter unseren nackten Füßen nachgaben und dahinschmolzen, als würden sie mit unserer Zweisamkeit mitfühlen. Mein Geist und ich haben uns hinausgewagt. Nach all den Monaten voller Angst, Verzweiflung und Wut, sind wir wieder hier, anders als die anderen und frei, so unglaublich frei, dass uns nichts mehr anhaben kann, solange ich die Sonne in seinen Augen sehe. Die Müdigkeit übermannt mich, ich hebe meinen Kopf an, nur um ihn im nächsten Moment auf den kalten Boden zu betten, in den unsichtbaren Armen meines Geistes, der mich bewacht, während ich mich ausruhe. Noch einmal nehme ich die Schneeflocken unter auf meiner Haut wahr, spüre den Windhauch zwischen meinen Zehen und genieße die Frische, die durch meinen Körper strömt.

Ich habe diese Pause verdient. Wir haben sie uns verdient, nach so einem langen Kampf. Und noch immer ist kein Ende in Sicht.

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