#9 – Snippet aus „Die Windräder“

Nach einer Stunde begann ich zu schwitzen. Die niedrigen Sträucher und vereinzelten Bäume strahlten eine unangenehme Feuchtigkeit aus, die mir das Atmen schwer machte und meine Jacke in einen lästigen Plastiküberzug verwandelte. Hin und wieder musste ich auf allen Vieren einen Felsen hinaufklettern, oder über kleine Abgründe springen, bis sich vor mir der Weg endlich ebnete und das Tal nicht mehr in weiter Ferne lag. Blake war ein gutes Stück vor mir, sodass ich ihn in seiner gelben Regenjacke von hinten nur noch unscharf wahrnahm. Nach einigen Metern erreichten wir die Kuppe des Hangs, von wo aus der Pfad eben weiterführte und eine scharfe Kurve nach rechts machte. Dahinter lag das versteckte Tal, das sich nun vor uns ausbreitete, wie ein weites Blumenbeet, dessen eine Hälfte noch in die Schatten der umliegenden Hügel getaucht war und die andere in einem satten, glänzenden Grün erstrahlte. Kaum hatten wir den Pfad in das Tal hinunter angetreten, wurden wir von einem heulenden Wind erfasst, der mich für einen Moment taumeln ließ und mir eine Gänsehaut über den Rücken schickte, obwohl die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf uns herablachte. Ich würde mich wohl nie daran gewöhnen. Immer wieder schien ich aufs Neue zu vergessen, dass die Highlands sowohl der lauteste als auch der leiseste Ort sein konnten. Ich liebte die Stille, die hier manchmal herrschte und ich liebte die Abwesenheit von menschengemachtem Lärm, als wäre die Weide zeitlos, in der Geschichte dieses Planeten stehengeblieben und hätte dabei jegliche Invasionen ausgefiltert. Würde ich am Heimweg noch immer in das Jahr 2028 zurückkehren?

Heute blieb die Ruhe aus, denn der Sturm brauste in meinen Ohren, als hätte ich Musik auf höchster Lautstärke aufgedreht, drang durch meine Wollhaube und wirbelte meine daraus hervorlugenden Haarsträhnen in alle Richtungen. Man konnte sich beinahe nicht vorstellen, dass es hier je anders wäre. Am Eingang des Tals lag ein riesiger Felsbrocken, der, wie so viele Steine in den Highlands, einfach vom Himmel gefallen zu sein schien. Ansonsten war die Weide flach und spitzte sich nach hinten hin zu, wo der Weg weiterführte und wieder steil wurde. Blake war bereits unten angekommen und machte als gelber Punkt einen weiten Bogen um die in Gruppen schlafenden Schafe. Meine Schafe, die sich von ihrem unaufhörlichen Fressen ausruhten, mit ihrer dichten Wolle dem Wind trotzten und uns zwei Eindringlinge kaum wahrzunehmen schienen. Die Böen strichen durch das feuchte Gras und ließen es in mysteriösen Choreografien tanzen. Was von all dem wohl übrigbleiben würde, fragte ich mich, während ich weiterging und die Sonnenstrahlen genoss, die mein nassgeschwitztes Gesicht kitzelten. Die Veränderungen nahmen rasant zu und obwohl die vielen Unwetter und Stürme den Schafen bis jetzt noch nichts ausgemacht zu haben schienen, war ich mir dennoch bewusst, dass wir diese Probleme in Zukunft nicht mehr so auf die leichte Schulter nehmen durften. Es nagte an mir, innerlich und konstant. Seit Blake in unser Dorf gekommen war, verging kein Tag, an dem ich nicht mit diesem unguten Gefühl im Nacken aufwachte oder nicht damit einschlief. Wie würde das Tal in Zukunft aussehen? Wie viele Jahre würde ich meine Schafe noch hier hinauftreiben können ohne mit Verlusten rechnen zu müssen?

Ich ließ meinen Blick umherschweifen und bemerkte eines der Tiere, das sich gerade mühsam aufgerappelt hatte und mit wackelnden Bewegungen vorsichtig auf mich zu kam. Den schwarzen Kopf mit den geschwungenen Hörnern in die Luft gereckt, blieb es einige Meter von mir entfernt stehen, musterte mich und entschied dann, dass es bei mir anscheinend doch nichts zu holen gab. Es rümpfte die Nase und widmete sich erneut der Nahrungsaufnahme. Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Die Schafe waren in dieser Abwärtsspirale unbewusst gefangen und konnten weder etwas dafür noch etwas dagegen tun. Ich war für sie verantwortlich. Genauso, wie ich für die Zukunft meiner Tochter verantwortlich war. Wenn ich jetzt nicht einschritt, wann dann? Sobald sich die Erde dem Ende zuneigen würde, würde ich es mir nicht verzeihen können, in der Situation, in der sich unser Dorf jetzt befand, nicht gehandelt zu haben. Es wäre den Kindern und ihrer zukünftiger Leben nicht fair gegenüber.

Blake war mittlerweile stehengeblieben und so erreichte ich ihn nach wenigen Metern mit einem brennenden und aufreibenden Gefühl in meiner Brust, das mir doch irgendwie neuen Mut zusprach. Als er meine Präsenz hinter sich spürte, wandte er sich um und blickte mich vertraut an.

„Ich möchte dafür kämpfen“, wollte ich sagen, doch als ich meinen Mund öffnete und die Worte hinausließ, nahm der Wind sie huckepack und trug sie in das weite Tal davon. Blake runzelte die Stirn und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie und im nächsten Augenblick wurden wir Eins, wie eine Statue aus einem einzelnen Marmorblock gehauen, verschmolzen im Sturm der Zeit.

„Ich möchte dafür kämpfen“, flüsterte ich nun in sein Ohr. „Lass uns das Dorf umstimmen. Ich weiß, dass wir das schaffen können.“ Und in diesem Moment schien mir der Wind, der um unsere umschlungenen Körper herumstrich, das Fell der Schafe immer und immer wieder zerzauste und ohne Halt über die Highlands pfiff, nicht mehr unangenehm, sondern wie das schönste Geschenk, das uns jemals gemacht wurde. Wie unsere Rettung. Denn ohne Wind würde es keine Windräder geben.

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